Dorothea vom Schwanensee

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Mein Name von Geburt an lautete; Dorothea, Maria, Augusta von Merstorff. Genannt werde ich jedoch nur Dorothea vom Schwanensee. Weshalb? Nun, das lag daran, dass meine Eltern, oder vielmehr mein Vater als Verwalter der Burg Rothenberg zu Schnaittach zwar von adeliger Herkunft sein musste, jedoch nie einen Anspruch auf ein eigenes Lehen erwerben konnte. Seine und unsere Versorgung, sowie die Versorgung unseres Herrn, war durch die Bauern des Dorfes gesichert.

Etwas abseits gab es einen kleinen See, in dem wir im Sommer immer baden waren als ich noch klein war. Schwäne und Enten hatten dort im Röhricht ihre Nester und es war uns immer eine Leidenschaft, sie bei der Brut zu ärgern. Eines Tages war dort ein Junge aus dem Dorf und plünderte die Nester der Schwäne. Der erboste Erpel zischte ihn wütend an, doch der Junge hielt ihn sich mit einem Ast vom Leibe. Ich entstieg dem Wasser als er sich auf der Flucht vor dem Tier befand und stellte mich ihm in den Weg. Er prallte fast gegen mich, als er durch die Büsche kam und blieb erschrocken stehen. Ich bat ihn höflich um die Eier die er dem Gelege entnommen hatte. Er sah mich verdutzt an, und ich weiß nicht weshalb er es getan hat, aber er drückte mir das Tuch mit den Eiern in die Hand und lief dann weg. Ich sah ihm noch ein Mal nach, dann ging ich zu dem Nest und ließ die Eier wieder vorsichtig hinein gleiten. Der Erpel und die Schwänin sahen mir dabei interessiert zu, taten mir jedoch nichts. Plötzlich bemerkte ich, dass ich völlig nackt war und sah mich erschrocken um, da ich nun wusste, weshalb der Junge so erschrocken war. Schnell schlüpfte ich in meine Sachen und rannte eilends nach Hause. Ich kam noch oft an den See und schwamm darin, und nicht selten schwammen die Schwäne mit ihren Jungen mit mir.

Man muss mich wohl des Öfteren beobachtet haben, denn schon bald sprach man nur noch von Dorothea vom Schwanensee. Ich fand das schmeichelhaft, und so behielt ich diesen Namen bei.

Doch schon bald untersagte man mir das Schwimmen. Ich sei nun eine junge Frau, und es geziemte sich nicht, nackt im See baden zu gehen.

So wuchs ich also in einem recht behüteten Umfeld auf, und als ich das entsprechende Alter erreicht hatte, wählten meine Eltern einen Gatten für mich aus.

Begeistert war ich davon nicht, schien er doch ein ziemlich mürrischer und eigenbrödlerischer Geselle zu sein. Sein Name war Hupertus von Grampwall. Er war ein Edelmann aus dem Koblenzischen. Er brachte wohl einen Gutteil Silber und einige Steine von gutem Wert mit, so dass mein Vater nicht widerstehen konnte, seinem freien nachzugeben. Leider konnte ich mich nicht dagegen wehren, und so wurden wir schon einen Monat später getraut, und verließen umgehend meine Heimat, um auf seiner Burg, etwa einen Tagesritt von Koblenz entfernt, fortan zu leben.

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Ich gebar meinem Gatten zwei wundervolle Töchter, doch er gab sich damit nicht zufrieden. Einen Erben wollte er haben, doch ich konnte ihm das nicht versprechen.

Hupertus ließ sich von seinem einfältigen Verstand narren und redete sich ein, dass es die Schuld seiner Lenden sei.

Mein Mann wurde danach irgend wie merkwürdig, sein beschränkter Verstand befahl ihm, all sein Vermögen auszugeben und sich auf eine Pilgerreise zu begeben die ihn von seiner Schuld und dem Versagen seiner Lenden rein waschen sollte. Drei Monate später brach er auf. Sein Weg sollte ihn nach Santiago de Compostela, einem bekannten Pilgerziel nahe der spanischen Altantikküste führen. Ein Jahr sollte die Reise dauern. Doch er kam nicht wieder.

Nach einem weiteren Jahr allein auf seiner Burg, beschloss ich, mich wieder in die Heimat auf zu machen. Sechs seiner Männer, die mir gut ergeben waren, sollten mich und die Kinder auf meiner Reise begleiten und für unseren Schutz sorgen.

Es dauerte auch nicht all zu lange, da bedurften wir diesem auch schon. Scheinbar waren uns von Koblenz aus einige mit neugierigen Blicken gefolgt und erhofften sich reiche Beute unter unseren Habseligkeiten. Hupertus Männer konnten die Räuber leicht verjagen, und dies war einer der ganz wenigen Tage, an dem ich meinem Gatten dafür dankbar war, für die Ausbildung die er seinen Soldaten hat zuteil werden lassen.

Drei Tage später erreichten wir die dichteren Ausläufer des Steigerwaldes und ich fühlte mich langsam besser, denn ich spürte bereits die Nähe meiner Heimat. Doch leider sollte mir dieses Gefühl nicht von Dauer beschieden sein. Wir befanden uns auf der alten Reichsstrasse von Würzburg nach Nürnberg, dort wo man bei dem kleinen Ort Iphofen abzweigte um über Uffenheim nach Schnaittach zu gelangen (dies war wesentlich kürzer als der Weg über Nürnberg), da wurden wir abermals überfallen. Die Räuber waren gut ein Dutzend Mann. Sie trugen das Schwarz der Nacht und ihre Gesichter verhüllten sie mit roten Tüchern. Schnell hatten sie aus dem Hinterhalt heraus drei meiner Wachen nieder gestreckt, und die anderen drei in schwere Kämpfe verwickelt. Maria, meine Zofe, wurde bei dem Gerangel schwer am Kopf getroffen und sank leblos zu Boden. Walter, ein Knecht, wehrte sich so gut er konnte, doch er hatte dem Schwert seines Angreifers nur eine Mistgabel entgegen zu setzen. Ein Schwertstreich streckte ihn schließlich nieder und ein zweiter nahm ihm das Leben. Ich betete zur heiligen Jungfrau Maria um Hilfe, und befürchtete schon das Schlimmste, da hörten wir Pferde näher kommen.

Drei Ritter und ein Dutzend Soldaten kamen des Wegs und ritten ohne Vorwarnung in die Reihen der Angreifer hinein. Es wurde ein blutiges Gemetzel, doch schließlich obsiegten die Ritter, und ich dankte der Jungfrau für ihre schnelle Hilfe.

Nachdem sich die Soldaten um die Toten und Verwundeten gekümmert hatten, trat einer der Herren zu mir und erkundigte sich höflich nach meinem Befinden. Ich musste zugeben, dass mir der Schrecken noch ganz schön in den Gliedern saß, dass ich aber dennoch aussprechen konnte, dass ich sehr dankbar für ihre Hilfe sei.

Die Herren stellten sich mir als der Herr Ritter Thomas vom Löwenfels, der Herr Christian zu Wolfsberg und der Herr von Blaudrachenstein vor, welche hier in der Gegend für ihren Lehnsherrn die Ordnung aufrecht hielten. Sie boten mir ihre Begleitung bis zur Heimat an. Ich wollte diese zwar ausschlagen, doch angesichts des Vorfalles von damals war ich letztendlich sehr froh darüber, dass ich ihr Angebot nicht ausschlug.

Sicher zuhause angekommen, bedankte sich mein Vater überschwänglich bei den Herren und lud sie ein, Gast bei uns zu sein. Irgend wie wurde das Gast sein von Zeit zu Zeit durch gegenseitige Besuche erwidert, und so entstand ein freundschaftliches Band zwischen den Familien, das ich heute nicht mehr missen möchte.
Und so kam ich zu den Herren von Franken.

 

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