Christiana vom Reiherbach

Wappen von Christiana vom Reiherbach

Ich höre es heute noch wie einst, als die Schwerter aufeinander trafen und die Pferde mit wildem Schnauben über den Plan heran galoppierten, dort bei der schönen Feste im Taubergrund, genannt Neuhaus. Bunte Wimpel schmückten allerorten die Burg und flatterten freudig im kühlen Wind, der den nahenden Herbst bereits mit Macht ankündigte. Die Fahnen blähten sich auf wie die voll gestopften Bäuche der Männer nach den Fress- und Saufgelagen, die sie mit regelmäßiger Bestimmtheit veranstalteten. Heute würde es wieder solch ein Tag werden, denn man feierte die Geburt des ältesten Sohnes und damit des Erben von Neuhaus.

Bunt geschmückt waren die Schranken des Planes und bunt gekleidet die Herren von nah und fern, genauso wie ihre edlen Damen, und das Turney war bereits in vollem Gange.

Es war wohl um das Jahr 1262 als ich dort, als damals 16jährige, meinen Dienst als Zofe von Elsbeth, der Gemahlin Gottfrieds von Hohenlohe-Brauneck, antrat. Die Herrin war eine gebürtige Falkenstein-Münzberg und es war ihr stets ein Wunsch, sich einer Zofe von niederem Adel zuzuwenden, um dieser die Feinheiten des Hofes zu lehren und ihr, ihr späteres Auftreten dort beibringen zu können.

Meine Heimstatt befand sich in den fruchtbaren Auen, nahe dem kleinen Gut Rimpar. Meine Eltern besaßen dort einen festen Steinbau mit einer hohen Mauer drum herum, Pferdeställe und Unterkünfte für das Vieh und die Bediensteten sowie Einkünfte von gutem Wert für die Aufgabe eines Ministerialen beim Hofe des Bischofs zu Würzburg, die mein Vater mit Leib und Seele ausfüllte.

Das Bersten einer Lanze ließ mich aus meinen Gedanken aufschrecken und den Blick wieder auf das Geschehen auf dem Plan richten. Doch heute bin ich nicht mehr als Zofe hier, sondern als Frau eines Mannes, dem ich vor einigen Jahren genau hier begegnet bin. Unsere Blicke trafen sich und unsere Herzen schlugen beim Anblick des anderen um einiges schneller. Und nun? Nun hob mein Liebster seinen Gegner mit der Lanze aus dem Sattel, und die Menge begann zu jubeln. Applaus brandete auf. Mein geliebter Herr öffnete das Visier seines Helmes und zeigte mir sein schönstes Lächeln. Ich warf ihm eine Kusshand zu, die er spielerisch mit der freien Hand auffing und sie sich an seine Brust drückte, dort wo sein Herz saß.

Doch ich will hier nicht nur von meinem Gatten, dem Herrn von Blaudrachenstein, berichten. Vielmehr sollt ihr hier erfahren, wie ich zu meinem Namen und zur Zugehörigkeit bei den Domini Francorum gelangte.

Das mit meinem Namen war nicht weiter schwer, denn unweit unseres Hauses schlängelte sich ein Bach durch den Wiesengrund und ich ging als ich noch kleiner war, wann immer es mir erlaubt wurde, dort hinunter und beobachtete die Vögel. Ganz besonders angetan, war ich von der majestätischen Art der Reiher. Wie sie sich stolzierend durch das flache Wasser bewegten und ihrer Beute keine Möglichkeit zur Flucht ließen. Mein Vater fragte mich beim Nachhausekommen immer, wo denn seine Prinzessin wieder gesteckt habe, und ich antwortete: „Ich bin Christiana vom Reiherbach, und ich habe meine Vögel beobachtet, so wie eine Prinzessin ihr Volk beobachten sollte." Dies erzählte ich eines Tages der Herrin Elsbeth. Sie lachte über meine damals kindliche Naivität, fand aber den Namen ganz passend. Und so hieß ich fortan Christiana vom Reiherbach.

 

reiherbach christiana 02Christiana vom Reiherbach